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11.11.2014

Diabetes – Einfluss auf das Herz

 

Überleben Patienten einen Herzinfarkt, sitzt der erste Schock meist tief: „Das habe ich nicht gewusst, hat mir keiner gesagt, habe ich so nicht verstanden“, heißt es dann häufig. Immer noch ist sich nur jeder 20. Diabetiker darüber bewusst, dass einem Infarkt durch Einstellung von Blutdruck- und Blutfettwerten vorgebeugt werden kann. Oft wird eine Herzschädigung aufgrund des Diabetes spät diagnostiziert. Es kommt aber auch vor, dass eine Erkrankung erst erkannt wird, wenn ein Patient seinen Arzt wegen Herzbeschwerden aufsucht.

Eine Studie vom Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit NRW sowie der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ mit 2000 Personen aus der Bevölkerung und 505 Diabetikern ergab, dass sich die Unwissenheit durch alle Schichten zieht. Jeder Zweite nannte Rauchen, Übergewicht und Stress als Risiko für den Infarkt, nur jeder Zehnte Fettstoffwechselstörungen. Blutdruck rangiert an sechster und Diabetes sogar an letzter Stelle, obwohl die Hälfte aller Diabetiker an Infarkten stirbt. 94 Prozent der Bevölkerung und 85 Prozent der Betroffenen ist nicht bekannt, dass die Krankheit das Herz bedroht. „Umso wichtiger ist es, aufzuklären“, rät der Kardiologe Dr. Reinhold Hachmöller.

Diabetes ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der der Blutzuckerspiegel gestört ist. Der hohe Zuckergehalt schädigt die Blutgefäße und führt dazu, dass das Blut schneller gerinnt. Zusätzlich ist es zähflüssiger und klebriger, es kann sich leichter an kleinen Gefäßen anlagern und sie verstopfen. Besonders betroffen sind dabei auch die Herzkranzgefäße, die den Herzmuskel mit Blut versorgen.

„Ein Diabetiker erleidet einen Infarkt meist ohne Vorwarnung wie Herzschmerzen. Oder es kommt zu einem sogenannten stummen Infarkt“, so der Arzt. Grund ist das eingeschränkte Schmerzempfinden, da der hohe Blutzuckergehalt neben den Gefäßen auch die Nerven schädigt – eine sogenannte diabetische Neuropathie ist die Folge. Frauen mit Diabetes sind übrigens häufiger von den Folgen betroffen als Männer.

Diagnose von Herzproblemen

Menschen mit Diabetes sollten sich mindestens alle fünf Jahre kardiologisch untersuchen lassen. Dazu gehören ein Herz-Echokardiogramm, eine Untersuchung der Halsschlagader und ein Belastungs-EKG. Bei einem auffälligen Befund kann der Kardiologe mit einer Herzkatheter-Untersuchung genau abklären, ob und in welchem Ausmaß eine Arterienverkalkung der Herzkranzgefäße vorliegt.

Liegt eine Herzschädigung vor, ist es neben einer guten Blutzuckereinstellung wichtig, das Herz medikamentös zu schützen. Dabei werden Betablocker eingesetzt, um die Herzfrequenz herabzusetzen, und ACE-Hemmer, um den Blutdruck zu normalisieren. Gerinnungshemmer wie niedrig dosierte Acetylsalicylsäure verhindern außerdem, dass sich kleinste Blutgerinnsel bilden und die Arterien verstopfen. „Daneben ist eine gesündere Lebensweise das A und O, um das Risiko eines Infarkts oder Schlaganfalls zu verringern“, sagt Hachmöller. Dazu zählen beispielweise Gewichtsreduzierung, Nikotinverzicht, mehr körperliche Bewegung und eine ausgewogene Ernährung.

Was tun bei Dreigefäßerkrankung?

Diabetespatienten, die unter mehrfach verengten Herzkranzgefäßen leiden und bei denen ein Eingriff unausweichlich ist, sollten am besten eine Bypass-Operation in Erwägung ziehen. Dies zeigt eine internationale Studie, die im Magazin „New England Journal of Medicine“ erschienen ist. Demnach überleben Diabetespatienten nach einer Bypass-OP länger als diejenigen mit einer Gefäßstütze.

An der Studie nahmen von 2005 bis 2010 insgesamt 1900 Diabetespatienten aus 140 internationalen Behandlungszentren teil – darunter Kliniken aus den USA, Spanien, Kanada, Brasilien, Indien, Frankreich und Australien. Sie litten unter ausgeprägten Verengungen aller drei Herzkranzgefäße, der sogenannten „Dreigefäßerkrankung“. Die Ärzte teilten die Patienten dafür nach dem Zufallsprinzip in zwei Behandlungsgruppen ein. Einer Gruppe legten Chirurgen bei einer offenen Herzoperation Bypässe, um die verstopften Herzkranzgefäße zu überbrücken. Die zweite Gruppe unterzog sich einer Behandlung der Engstellen über den Linksherzkatheter mit Medikamenten freisetzenden Stents. Bei diesem Eingriff schieben Herzspezialisten über einen Katheter eine kleine Metallstütze bis zur Engstelle vor, um das Gefäß zu weiten. Die Medikamente sollen zusätzlich verhindern, dass sich die Arterie wieder verschließt. Zum Zeitpunkt des Eingriffs waren die Patienten im Schnitt 63 Jahre alt.  

 

Ergebnis der Vergleichsstudie nach einem Beobachtungszeitraum von fünf Jahren: Todesfälle und Herzinfarkte traten insgesamt deutlich seltener nach einer Bypass-Operation auf. Während innerhalb von fünf Jahren 10,9 Prozent der Patienten in der Bypass-Gruppe verstarben, betrug die Rate der Todesfälle in der Stent-Gruppe 16,3 Prozent. Das bedeutet in anderen Worten, dass jedes Jahr das Leben bei einem von 100 Patienten durch die Bypass-Operation gerettet werden kann. Das klingt wenig. Andersherum gilt aber auch: nach zehn Jahren ist jeder fünfte Bypass-operierte Patient und jeder dritte gestentete Patient verstorben. Das ist schon deutlich eindrucksvoller.

Bei den Schlaganfällen schnitt die Stent-Gruppe allerdings besser ab: Nur 2,4 Prozent der Patienten mit einer koronaren Gefäßstütze bekamen innerhalb von fünf Jahren einen Schlaganfall, bei den Bypass-Patienten waren dies 5,2 Prozent. „Die Entscheidung, ob man sich einer Bypass-Operation unterzieht oder Stents setzen lassen soll, wird bei einer Dreigefäßerkrankung nie sofort nach der Katheteruntersuchung gefällt, wenn der Patient noch auf dem Untersuchungstisch liegt“, erläutert Hachmöller. In einem ausführlichen Gespräch wird die Situation mit dem Patienten und oft auch der Ehefrau bzw. dem Ehemann, besprochen. Für jüngere Patienten, in diesem Fall solche unter 75 Jahren, ist das geringere Sterberisiko durch die Bypass-Operation natürlich sehr wichtig, weil sie noch viele Lebensjahre vor sich haben. Ältere Patienten neigen verständlicherweise eher dazu, sich Stents setzen zu lassen, weil für sie die hierdurch gewonnene bessere Lebensqualität eine viel größere Rolle spielt als das geringere Sterberisiko in den kommenden Jahren. Zudem ist bei ihnen die Operation risikoreicher und die Rekonvaleszenz langwieriger. Da die Entscheidung nicht einfach ist, empfehlen die Fachgesellschaften, immer auch einen Herzchirurgen hinzuzuziehen, der den Patienten persönlich beraten sollte. „Viele Betroffene möchten allerdings nicht von verschiedenen Ärzten beraten werden und fühlen sich überfordert, diese Entscheidung selbst zu fällen. Deshalb bitten sie den Katheterarzt um eine eindeutige Empfehlung. Dieser Bitte entsprechen wir natürlich immer“, so Hachmöller.

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